Gesichterlesen: Ein Sammelsurium verrückter Ideen und Methoden
Warum ich den Kritikern in vielem recht gebe – und trotzdem seit dreissig Jahren Gesichter lese. Da hast du dich verlesen? Nein, hast du nicht. Der Titel steht genau so da, wie ich ihn gemeint habe.
Denn wenn ich lese, was in den meisten Büchern, Seminaren und Instagram-Reels über das Gesichterlesen behauptet wird, dann kann ich den Kritikern nur zustimmen: Das ist Humbug. Und zwar Humbug der besonders zähen Sorte.
Nur – und jetzt kommt das kleine, aber entscheidende «Aber» – die Kritiker und ich meinen nicht dasselbe. Wir schauen beide auf denselben Sumpf. Der eine sagt: «Alles Morast, weg damit.» Der andere sagt: «Moment, dort hinten wächst etwas, das dort nicht hingehört.»
Lass uns gemeinsam hinschauen. Ohne Weihrauch. Ohne Beleidigtsein. Aber auch ohne vorauseilenden Gehorsam gegenüber Leuten, die ein Fachgebiet beurteilen, ohne es je studiert zu haben.

Die Zeitschrift «Wirtschaftspsychologie Heute» veröffntlicht einen Beitrag und bezeichnet Gesichter-Lesen als Pseudowissenschaft.
1. Der Vorwurf: «Eine Pseudowissenschaft im Aufwind»
Professor Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Osnabrück, hat in der Zeitschrift «Wirtschaftspsychologie Heute» einen Beitrag veröffentlicht mit dem freundlichen Titel «Face Reading – Eine Pseudowissenschaft im Aufwind».
Seine Kernaussagen, in meinen Worten zusammengefasst: Face Reading sei ein wildes Sammelsurium aus Psycho-Physiognomik, Körpersprache-Deutung und sogenannten Micro-Expressions, in dem nur zufällig hin und wieder ein Fünkchen Wahrheit aufblitze. Die Psycho-Physiognomik bezeichnet er als eine Art Zombie der Küchenpsychologie – eigentlich längst tot und trotzdem erstaunlich munter. Auch Personalmanager würden darauf hereinfallen.
Weisst du was? Ich habe beim Lesen gelacht. Nicht bitter. Herzlich.
Denn «Zombie der Küchenpsychologie» ist ein wirklich guter Ausdruck. Ich hätte ihn selbst gerne erfunden. Und in mindestens der Hälfte dessen, was heute unter dem coolen Label «Face Reading» verkauft wird, trifft er ins Schwarze.
Der Haken an der Sache: Kanning wirft alles in einen Topf. Psycho-Physiognomik, Mimik-Deutung, Lügendetektion, Körpersprache, Schädelvermessung und eben auch das Taoistische Gesichter-Lesen. Und dann rührt er kräftig um.
Das ist ungefähr so, wie wenn du Homöopathie, Chirurgie und Aderlass in eine Schüssel wirfst und danach verkündest: «Medizin funktioniert nicht.» Der Wissenschaftler in mir – ja, den gibt es – hätte da gerne etwas mehr Differenzierung.
2. Er hat recht. Zumindest in ziemlich vielem.
Jetzt wird es unbequem – für meine eigene Zunft.
Denn die Wahrheit ist: Die meisten Gesichtlese-Systeme können ihre Behauptungen nicht begründen. Sie behaupten einfach. Und die Kundschaft glaubt es, weil es so schön geheimnisvoll klingt.
Johann Caspar Lavater (1741–1801), reformierter Pfarrer aus Zürich, gilt als Vater der Physiognomik. Seine Motivation war zutiefst christlich. Sein Massstab für den vollkommenen Menschen war – Achtung – die Ähnlichkeit mit Jesus. Wer christusähnliche Züge trug, galt ihm als besonders tugendhaft.
Bleibt die kleine Frage: Und alle anderen? Was ist mit denen, die zufällig nicht wie ein Renaissance-Gemälde aussehen?
Damit ist die Tür zur Einteilung in «Gut» und «Böse» sperrangelweit offen. Und wenn man bedenkt, dass zu Lavaters Lebzeiten in der Schweiz noch Hexen öffentlich verbrannt wurden, dann läuft einem beim Weiterdenken kalt über den Rücken.

Carl Huter ist der Begründer der Psycho-Physiognomik. Er lebte von 1861 – 1912
Carl Huter (1861–1912), Begründer der Psycho-Physiognomik, hat es besser gemacht – er wollte Stärken fördern, nicht Menschen verurteilen. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber sein System teilt die Menschheit in drei Naturelle ein: Bewegungs-, Ernährungs- und Empfindungsnaturell. Drei Schubladen für acht Milliarden Menschen. Da wird es eng.
Und vor allem: Woher kommen die drei? Aus Erfahrungswerten. Aus Beobachtung. Aus dem Zeitgeist um 1900. Es gibt keine Naturgesetzlichkeit dahinter, die man nachvollziehen könnte. Man kann es glauben – oder eben nicht.
Genau da hat Kanning recht. Ein System, dessen Aussagen man nur glauben kann, ist keine Wissenschaft. Es ist Glaube mit Fachvokabular.
3. «Ich sehe im Gesicht, ob du lügst» – nein, siehst du nicht.
Und jetzt zum Punkt, bei dem ich wirklich ungemütlich werde.
Es gibt bis heute Gesichterleser, die behaupten, sie könnten an den Gesichtszügen erkennen, ob jemand lügt. Ob jemand ein Betrüger ist. Ob jemand kriminelle Energie hat. Ob man diesem Menschen ein Darlehen geben sollte.
Das ist nicht nur falsch. Das ist gefährlich.
Und es ist ein handwerklicher Fehler von peinlichem Ausmass. Denn hier werden zwei völlig verschiedene Dinge verwechselt:
- Gesichtsmerkmale sind die Struktur. Die Form der Nase, die Weite der Augen, die Höhe der Stirn, die Ausprägung des Kiefers. Diese Merkmale sind über Jahre stabil. Sie verändern sich langsam, über Lebensphasen hinweg.
- Mimik ist die Bewegung. Sie dauert Sekundenbruchteile. Sie reagiert auf die Situation, auf das Gegenüber, auf den Moment.
Das eine ist die Landschaft, das andere ist das Wetter. Wer aus der Form eines Berges auf den Regen von morgen schliesst, hat weder von Geologie noch von Meteorologie etwas verstanden.
Mimik-Forschung ist eine eigenständige, ernsthafte Disziplin. Sie hat mit dem Gesichterlesen nichts zu tun. Wer beides vermischt und dann sagt: «Ich sehe an deinem Gesicht, dass du lügst», der lügt in diesem Moment am ehesten selbst.

Im Buch Taoistisches Gesichter-Lesen erklärt Wendelin Niederberger die Wissenschaft hinter dem Taoistischen Gesichter-Lesen
Es gibt keine negativen Gesichtsmerkmale. Punkt.
Das ist meine klare Position, seit ich 2016 das Standardwerk zum Taoistischen Gesichter-Lesen veröffentlicht habe, und ich werde nicht müde, sie zu wiederholen:
«Es gibt keine negativen Gesichtsmerkmale! Das ist eine Fehlinterpretation, die aus der Welt geschafft werden muss.»
Heisst das, es gäbe keine Menschen, die sich negativ verhalten? Selbstverständlich gibt es die. Täglich. Manchmal auch im eigenen Spiegel, wenn wir ehrlich sind.
Aber ob sich ein Mensch destruktiv verhält, ist eine Entscheidung – bewusst oder unbewusst. Sie ist nicht in sein Gesicht eingraviert. Sie kann es gar nicht sein, denn sie wird in jedem Moment neu getroffen.
Zu viele nutzen die Angst der Menschen aus, um daraus geschäftliche Vorteile zu ziehen. Und solange das so bleibt, wird dieser wertvolle Schatz – den eigenen Seelenplan im Gesicht erkennen zu können – niemals gesellschaftlich akzeptiert werden. Zu Recht nicht.

Keine Linearität! Das Taoistische Gesicher-Lesen stellt aus den Mustern der Natur logische Zusammenhänge her, die wir alle sehr gut kennen.
4. Zwei Wissenschaften, die einander nicht verstehen
Jetzt kommen wir zum Kern. Und ich bitte dich, hier ganz besonders aufmerksam zu sein, denn hier liegt der eigentliche Denkfehler der ganzen Debatte.
Die westliche Wissenschaft arbeitet kausal-analytisch. Sie zerlegt. Sie isoliert. Sie sucht die Ursache A, die die Wirkung B hervorbringt – möglichst unter Ausschluss aller Störfaktoren. Das ist eine grossartige Methode. Ihr verdanken wir Antibiotika, Brückenbau und die Tatsache, dass dieses Flugzeug oben bleibt.
Aber sie hat einen blinden Fleck: Sie kann nur finden, wonach sie sucht.
Die östliche Wissenschaft arbeitet analog und zyklisch. Sie beobachtet nicht die einzelne Ursache, sondern das Muster. Sie fragt nicht: «Was verursacht was?», sondern: «Welche Ordnung wiederholt sich – auf jeder Ebene?»
Grundlage ist das Kreislaufmodell:
- Yin und Yang – die Bipolarität aller Dinge. Kaum jemand stellt das ernsthaft infrage.
- Die fünf Wandlungsphasen – Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser. Frühling, Sommer, Spätsommer, Herbst, Winter. Werden, Entfalten, Reifen, Ernten, Ruhen.
- Die fünf Funktionskreise im Körper: Leber (Holz), Herz (Feuer), Magen (Erde), Lunge (Metall), Nieren (Wasser). Darauf baut die gesamte Traditionelle Chinesische Medizin auf – ein System, das seit über zweitausend Jahren funktioniert und heute an westlichen Universitätskliniken gelehrt wird.
Und jetzt der Satz, um den sich alles dreht: Alles ist in allem enthalten.
Im Gesicht ist jeder Teil des Körpers repräsentiert. Genauso wie im Fuss, in der Ohrmuschel, in der Hand, ja sogar in der Iris. Die Reflexzonen-Therapie und die Ohr-Akupunktur beruhen auf exakt derselben Gesetzmässigkeit – und über die lacht heute niemand mehr.
Was das Taoistische Gesichter-Lesen von allen anderen Systemen unterscheidet: Jede einzelne Aussage ist an ein Naturprinzip zurückgebunden. Ich behaupte nicht. Ich leite ab.
Ein paar Beispiele, damit du siehst, wie das gemeint ist:
Holz. Im Frühling muss der Keimling die Samenhülle durchbrechen, sonst wird nie eine Pflanze daraus. Deshalb sind Holz-Menschen die geborenen Grenzgänger und Regelbrecher – Grenzen sind für sie nichts, was man respektiert, sondern etwas, das durchbrochen werden will. Merkmale: kräftige Augenbrauen, starker Kieferknochen.
Feuer. Beim Feuer ist es exakt umgekehrt – Feuer zeigt sich immer. Es lodert, es knistert, es ist nicht zu übersehen. Feuer-Menschen tragen ihre Emotion nach aussen. Merkmale: grosse, funkelnde Augen, ovale Gesichtsform, spitze Merkmale.
Erde. Die Erde schenkt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Das ist das Mutter-Prinzip. Deshalb sind Erde-Menschen erst dann wirklich zufrieden, wenn alle rundherum versorgt sind. Merkmale: grosser Mund, volle Lippen.
Metall. Im Herbst muss alles vorbereitet sein, damit der Vorrat bis zum Frühling reicht. Wer da schlampt, verhungert. Deshalb sind Metall-Menschen ausgeprägte Perfektionisten. Merkmale: grosse Nase, betonte Wangenknochen.
Wasser. Von aussen siehst du bei Wasser immer nur die Oberfläche. Was in der Tiefe geschieht, bleibt verborgen. Deshalb erkennst du bei einer Wasser-Persönlichkeit von aussen nie, welche Gefühle in ihrem Inneren toben. Merkmale: grosse Ohren, hohe Stirn, ausgeprägtes Kinn, kräftiges Haar.
Merkst du etwas? Du musst mir das nicht glauben. Du kannst es nachvollziehen. Du kennst diese Muster aus deinem Alltag – du hast sie nur noch nie mit einem Gesichtsmerkmal in Verbindung gebracht.
Das ist der ganze Unterschied. Andere Systeme sagen: «Vertrau mir.» Das Taoistische Gesichter-Lesen sagt: «Schau selbst nach, ob es stimmt.»
5. Die Wahrnehmungsfehler – und warum ich sie ernst nehme
Jetzt kommt der Teil, bei dem Kollegen aus meiner Branche gerne nervös werden. Ich nicht. Denn diese Einwände sind berechtigt – und ein professionelles Reading muss ihnen standhalten.
Der Barnum-Effekt. Formuliere eine Aussage so allgemein, dass sich jeder darin wiederfindet: «Du wirkst nach aussen stark, hast aber auch sehr sensible Seiten.» Bingo – trifft auf 95 Prozent der Menschheit zu, und alle nicken ergriffen. Merkmal einer sauberen Analyse: Sie ist so spezifisch, dass sie auch falsch sein könnte.
Der Bestätigungsfehler. Der Kunde merkt sich die drei Treffer und vergisst die sieben Fehlschüsse. Das ist menschlich – und es macht jedes unsaubere System scheinbar erfolgreich. Merkmal einer sauberen Analyse: Sie hält auch der schriftlichen Nachprüfung stand.
Der Halo-Effekt. Ein dominantes Merkmal – ein markantes Kinn, ein symmetrisches Gesicht – färbt automatisch die gesamte Beurteilung ein. Merkmal einer sauberen Analyse: Sie liest alle Bereiche des Gesichts, in einer festgelegten Reihenfolge, unabhängig von Sympathie.
Cold Reading. Der erfahrene Leser nutzt – oft völlig unbewusst – Kleidung, Haltung, Sprache, Alter, Beruf und die Reaktionen des Gegenübers. Und schreibt den Treffer dann der Gesichtsanalyse zu. Merkmal einer sauberen Analyse: Sie funktioniert auch anhand eines Fotos, ohne dass ein einziges Wort gewechselt wurde.
Diese vier Effekte sind real. Sie sind gut erforscht. Und sie sind der Grund, warum ich in meinen Ausbildungen so viel Wert auf Systematik lege. Nicht auf Intuition. Nicht auf «ich spüre da etwas». Sondern auf einen nachvollziehbaren Ablauf, den jeder überprüfen kann.
Wer das nicht kann, macht kein Reading. Der macht Jahrmarkt.
6. Ist das nun Wissenschaft oder nicht?
Ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, welchen Wissenschaftsbegriff du anlegst.
Nach dem kausal-analytischen Massstab des Westens – experimentell, randomisiert, kontrolliert gibt es für das Gesichterlesen keinen Wirksamkeitsnachweis. Ich sage das ohne Wenn und Aber, und ich sage es lieber selbst, als dass es mir jemand vorwirft.
Der Grund ist aber nicht, dass es nicht funktioniert. Der Grund ist, dass die Methode nicht zum Gegenstand passt. Die kausale Ursache-Wirkungs-Kette kann Analogien nicht abbilden. Sie ist dafür schlicht nicht gebaut. Ein Meterstab misst keine Temperatur. Das ist kein Argument gegen die Temperatur.
Nach dem analogen Massstab des Ostens dagegen ist das Taoistische Gesichter-Lesen in sich vollständig schlüssig: Jede Aussage ist an ein beobachtbares Naturprinzip zurückgebunden. Das Modell ist widerspruchsfrei, es ist lehrbar, reproduzierbar und für jeden nachvollziehbar. Das ist mehr, als die meisten Persönlichkeitstests von sich behaupten können, die heute munter in Personalabteilungen eingesetzt werden.
Ich verlange von niemandem, das westliche Weltbild aufzugeben. Ich verlange nur, dass man zur Kenntnis nimmt: Es gibt mehr als eines.
7. Wo es wirklich gefährlich wurde und warum ich es trotzdem erzähle

Das Taoistische Gesichter-Lesen beschreibt Muster der Natur, die wir alle kennen.
Ich mache hier keinen Bogen um die dunkle Seite. Im Gegenteil. Wer sich mit Gesichtern beschäftigt, muss diese Geschichte kennen.
Die Phrenologie des 19. Jahrhunderts, die Schädelvermessung war zu ihrer Zeit anerkannte akademische Wissenschaft. Lehrstühle, Fachzeitschriften, Kongresse. Aus ihr wurde die Kriminalanthropologie eines Cesare Lombroso, der glaubte, den «geborenen Verbrecher» an der Schädelform zu erkennen. Von dort war es kein weiter Weg zur Rassenlehre, deren Folgen jedes Kind in Europa im Geschichtsunterricht kennenlernt.
Das ist der schwerste Vorwurf, der dem Gesichterlesen gemacht werden kann. Und er ist historisch vollkommen berechtigt.
Aber und das scheint mir wichtig: beachte, worin diese Systeme sich einig waren: Sie alle behaupteten, im Gesicht sei erkennbar, ob ein Mensch gut oder böse, wertvoll oder minderwertig sei. Genau diese Behauptung ist der Giftzahn.
Und genau diesen Giftzahn hat das Taoistische Gesichter-Lesen nicht. Es gibt keine besseren und keine schlechteren Elemente. Kein Gesicht ist ein Urteil. Jeder Seelenplan hat seine Richtigkeit.
Ein Merkmal ist eine Information über ein Potenzial – niemals eine negative Bewertung.
Ich sage es noch schärfer: Wer im Gesicht nach Bösem sucht, hat das Gesichterlesen nicht verstanden. Der sucht eine Rechtfertigung für ein Urteil, das er längst gefällt hat. Und dafür braucht er dann tatsächlich keine Wissenschaft, sondern nur einen Spiegel.
8. Und nun zur Wissenschaft, die noch nie geirrt hat
Zum Schluss noch ein herzliches Lächeln in Richtung derjenigen, die so gerne mit dem Wort «Pseudowissenschaft» wedeln. Denn die «richtige» Wissenschaft hat im Lauf der Geschichte auch ein bisschen was zusammengeirrt. Nur eine kleine Auswahl:
Vom Himmel fallen keine Steine. Ende des 18. Jahrhunderts galt es in der französischen Gelehrtenwelt als abgemacht, dass Meteoriten Bauernaberglaube seien. Der Himmel ist schliesslich leer. Kies aus dem Nichts? Absurd. Heute steht das Zeug im Naturhistorischen Museum.
Ärzte müssen sich nicht die Hände waschen. Ignaz Semmelweis wies um 1847 nach, dass die Sterblichkeit von Wöchnerinnen dramatisch sinkt, wenn Ärzte sich zwischen Leichensektion und Geburtshilfe die Hände desinfizieren. Die Fachwelt reagierte mit Spott und Empörung. Semmelweis starb in einer Nervenheilanstalt. Heute hängt in jedem Spital ein Desinfektionsspender an der Wand. Zehntausende Frauen wären am Leben geblieben, wenn man auf den «Spinner» gehört hätte.
Kontinente bewegen sich nicht. Alfred Wegener veröffentlichte 1912 seine Theorie der Kontinentaldrift. Die Fachwelt lachte ihn aus – ein Meteorologe, der den Geologen erklären will, wie die Erde funktioniert! Heute ist die Plattentektonik Schulstoff der Sekundarstufe.
Magengeschwüre kommen vom Stress. Als Barry Marshall in den 1980er-Jahren behauptete, ein Bakterium sei die Ursache, wollte es niemand hören. Also trank er kurzerhand selbst eine Bakterienkultur, wurde krank, heilte sich mit Antibiotika – und holte sich 2005 den Nobelpreis für Medizin ab. Man muss die Wissenschaft manchmal ziemlich robust überzeugen.
Die Zungenlandkarte. Süss vorne, bitter hinten, sauer an den Seiten – jahrzehntelang stand das in den Biologiebüchern. Es beruhte auf einer schlampigen Übersetzung einer deutschen Arbeit von 1901. Falsch. Komplett falsch. Aber schön farbig gedruckt.
Und mein persönlicher Favorit: 1949 gab es einen Nobelpreis für die Lobotomie. Das ist die operative Durchtrennung von Nervenbahnen im Stirnhirn. Man hielt das für den Durchbruch in der Psychiatrie. Heute gilt es als eines der dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte.
Ich erzähle das nicht, um die Wissenschaft schlechtzumachen. Ich schätze sie sehr. Ihre grösste Stärke ist ja gerade, dass sie sich korrigieren kann – das kann kein Dogma dieser Welt.
Ich erzähle es, weil daraus eine schlichte Lehre folgt: Der Satz «Das ist wissenschaftlich nicht belegt» bedeutet nicht «Das ist falsch». Er bedeutet: «Wir haben es noch nicht untersucht.» Es kann auch heissen, dass mit dem falschen Instrument gemessen haben.»
Wer sich seiner Sache so sicher ist, dass er ein ganzes Fachgebiet zum Zombie erklärt, ohne einen einzigen Tag darin ausgebildet worden zu sein – nun ja. Dem würde ich gerne einmal ins Gesicht schauen. Rein professionell, versteht sich. Und selbstverständlich wertfrei.
Also: Ist Gesichterlesen Humbug?
Ein grosser Teil davon: ja, absolut. Und ich wehre mich schon lange dagegen, dass dieser Humbug unter demselben Namen läuft wie meine Arbeit.
Aber ein System, das
- jede Aussage an ein beobachtbares Naturprinzip zurückbindet,
- keine negativen Merkmale kennt und niemanden be- oder verurteilt,
- Struktur und Mimik sauber auseinanderhält,
- die bekannten Wahrnehmungsfehler kennt und methodisch ausschaltet,
- und dessen Beschreibungen jeder Mensch selbst überprüfen kann
Das ist kein Humbug. Das ist eine Landkarte. Und wie jede Landkarte ist sie kein Urteil über die Landschaft, sondern eine Hilfe, sich darin zurechtzufinden.
Wer ein Gesicht liest, um zu beurteilen, hat das Handwerk nicht verstanden.
Wer ein Gesicht liest, um zu verstehen, beginnt gerade erst.
Und beides sieht man dem Leser übrigens nicht am Gesicht an. Sondern an dem, was er damit macht.

Wendelin Niederberger erhält einen Ehrenpreis an der Ethnomedizinischen Konferenz in Tokyo 2019 für seine Studien zur Gesundheits-Prävention mit dem Taoistischen Gesichter-Lesen
Mit Liebe und Respekt den Menschen begegnen.
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